Fassungslosigkeit und Empörung an Frankfurts Schulen

Pressemitteilung des GPRLL-Vorsitzendenteams

In der Frankfurter Rundschau vom 11.11. 2020 sieht Rene Gottschalk, der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, kein Problem darin, den Regelbetrieb an Frankfurter Schulen ohne Einschränkungen weiterlaufen zu lassen. Den Gesamtpersonalrat der Lehrerinnen und Lehrer in Frankfurt erfüllt diese Aussage mit Ratlosigkeit und Empörung, da bei uns täglich zahllose Mails, Anrufe und Briefe von Schulen eingehen, die sich unerträglichen Arbeitsbedingungen und zunehmend verunsichernden Situationen ausgesetzt sehen.

Die Schulen beschreiben die Arbeit in eiskalten Klassenräumen, da bei den Lüftungstipps des Gesundheitsamtes fälschlicherweise von funktionierenden Heizungssystemen ausgegangen wird. Sie klagen über die bisher konstante Weigerung der Stadt Luftreinigungsgeräte anzuschaffen, die in vielen Behörden und Privatschulen schon Gang und Gebe sind. Große Verunsicherung besteht auch aufgrund der Tatsache, dass das Gesundheitsamt kaum noch Quarantänemaßnahmen anordnet, weil es von völlig unrealistischem konsequenten Maskentragen bei Kindern und Jugendlichen ausgeht, welches in der Realität einfach nicht zu finden ist, weder in Bussen und Bahnen, noch in den Schulmensen und Cafeterien, noch 3 Meter jenseits des Schulgebäudes. Gottschalk verweist ja selbst auf die tragende Rolle der Masken…

Weiterhin erstaunen uns seine Aussagen zu Virologen, denen er die Expertise abspricht, ebenso verwunderlich sind Aussagen zur Infektion, die zur vorwiegend durch Tröpfchen und nur ganz selten durch Aerosole weitergegeben werde und vieles mehr. Zu allen diesen Themen gibt es mehr als genügend gegenläufige Studien und wissenschaftliche Erkenntnisse.

Hier im GPRLL laufen seit Wochen stündlich, und seit das Gesundheitsamt Verdachtsfälle gar nicht mehr gemeldet bekommen will, im Minutentakt die Beschwerden verzweifelter Schulen über das Gesundheitsamt und die Frankfurter Verfahrensweise in Bezug auf Corona ein – per Mail, per Telefon, in Briefform.

Mittlerweile haben nur noch wenige Frankfurter Schulen Verständnis für die Haltung der vorgesetzten Behörden in Bezug auf die Tatsache, dass bei derart hohen Inzidenzzahlen und dadurch bedingten Schließungen sowie strengsten Maßnahmen in vielen anderen Bereichen des Lebens die Lehrkräfte und Schüler*innen unter solchen Bedingungen wie gerade jetzt arbeiten und lernen sollen. Es herrscht darüber hinaus ein immenser Zorn über die Tonlage des Gesundheitsamtes, das ständige Abwiegeln, die nicht mehr nachvollziehbaren Entscheidungen und den immer wieder als einzig probates Mittel verschickten Lüftungsflyer, der impliziert, die Gefährdungslage bestehe hauptsächlich in ungeschicktemLüftungsverhalten an den Schulen, was natürlich grober Unfug ist. Alle bisher getroffenen Behauptungen Gottschalks stehen den Empfehlungen des RKI konträr entgegen.

Außerdem entscheidet das Gesundheitsamt Frankfurt anders in Bezug auf kleinere Lerngruppen und Wechselmodelle als andere hessische Gesundheitsämter (MKK, Hanau, GG, OF, u.a.), die in verantwortlicher Weise längst dazu übergegangen sind. Weiterhin verwechselt Gottschalk offensichtlich Schulschließungen, die niemand fordert, mit Hybridunterricht und verkleinerten Gruppen, in denen die Ansteckungsgefahr durch den Abstand, den er ja auch immer wieder als unerlässlich betont, deutlich verringert ist. Erfahrungsgemäß kann in geteilten Gruppen oft intensiver gearbeitet werden, so dass der
Bildungsauftrag auch im Wechselmodell noch gewährleistet wird.

Das Gesundheitsamt hat die Nachverfolgung so gut wie aufgegeben. Verdachtsfälle dürfen nicht mehr gemeldet werden, auch die Tests für die Kontaktpersonen wurden eingestellt. Viele Schulen vermuten zunehmend Methode - im Sinne einer weniger beunruhigenden Statistik. Mittlerweile gibt es auch Beschwerden über Aufforderungen des Gesundheitsamtes an Schülerinnen und Beschäftigte, eine vorliegende Infektion bei Symptomfreiheit zu verschweigen.

Die immense Arbeit, das Beruhigen panischer Schüler*innen und die Information verunsicherter Eltern, das Beantworten von Telefonaten und Mails, die Verantwortung für individuelle Entscheidungen liegt jetzt bei den Schulen, wo die Belastung kaum noch hinnehmbar ist. Währenddessen werden Luftreiniger nicht gestellt, Land und Stadt liefern keine ausreichend wirksame Schutzausrüstung (FFP2), das Gesundheitsamt verweigert gleichzeitig das flächendeckende Wechselmodell nach Stufe 3, obwohl bisher alle Schulen, die sich bei uns gemeldet haben, dies trotz der dann anstehenden Mehrarbeit als notwendig erachten.

Großer Unmut besteht ob der Tatsache, dass die Anschaffung der professioneller Luftreinigungsgeräte oder -anlagen, für die das Land inzwischen sogar Geld bereitgestellt hat, in Frankfurt aktiv blockiert wird, obwohl es mehrere Studien gibt, die ihre unterstützende Wirksamkeit belegen. Diese Wirksamkeit scheint leider nur überall außerhalb Frankfurts zu gelten. Schulen, die versuchen, dies über Eltern oder Fördervereine zu organisieren, werden Hürden in den Weg gelegt, die unserer Auffassung nicht notwendig oder aber technisch lösbar sind. Dies führte schon bis zum Abbau bereits aufgestellter Geräte. Langfristig fordern wir den Einbau von professionellen und funktionierenden Lüftungssystemen.

Die Schulen möchten wissen, wie das GA und die Stadt es rechtfertigen, dass in vielen umliegenden Landkreisen endlich Schritte mit verkleinerten Lerngruppen eingeleitet werden und nur in Frankfurt die Gesundheit der Lehrkräfte und Schüler*innen „so gering geschätzt wird, dass der Regelbetrieb aufrecht erhalten wird, als gäbe es das Virus nicht". Diese Diskrepanz lässt sich einfach nicht mehr erklären. Die Schulen gehen davon aus, dass man hier zur Erhaltung der Betreuungssituation die Erkrankungen vieler in Kauf nimmt und die Prävention von Langzeitschäden hintenanstellt.

Auszug aus den aktuellen verzweifelten Mails als typisches Beispiel:

„Potenziell infizierte Kinder tummeln sich also ungehindert in den Klassenräumen, auf den Schulfluren und auf dem Hof. Eine Testung erfolgt nur bei Symptomen, was in der Altersklasse bekanntermaßen nicht unbedingt der tatsächlichen Infektionslage entspricht. (...)

Wir fühlen uns hoffnungslos im Stich gelassen. Auf dem Rücken unser aller Gesundheit werden auf diese Weise Fallzahlen an hessischen Schulen beschönigt und vertuscht. Wir möchten unbedingt, dass diese Missstände öffentlich gemacht werden. Wohin können wir uns wenden, um uns zu wehren? In unserer Not war es bereits eine ernsthafte Überlegung, sich wegen vorgeschriebener Körperverletzung an die Polizei zu wenden."

 

Meike Bär und Sebastian Guttmann
(Vorsitzendenteam des Gesamtpersonalrats der Lehrerinnen und Lehrer am Staatlichen Schulamt für die Stadt Frankfurt)