Microsoft-Lizenzen brächten nur Scheinlösung für digtialen Unterricht

Die GEW BV FFM spricht sich für gemeinwohlorientierte Digitalisierung aus

Auf dieser Seite dokumentieren wir neben unserer heutigen Pressemitteilung zur Petition „Digitaler Unterricht sofort mit dem Office work@home Paket für alle SuS und Lehrer*innen“ einen ausführlicheren Begleittext zum Thema als Vorabveröffentlichung der nächsten FLZ-Ausgabe.


Pressemitteilung des GEW-Bezirksverbands Frankfurt zur Petition „Digitaler Unterricht sofort mit dem Office work@home Paket für alle SuS und Lehrer*innen“

Der GEW-Bezirksverband Frankfurt schätzt die Forderung der Petition „Digitaler Unterricht sofort mit dem Office work@home Paket für alle SuS und Lehrer*innen“, nämlich die flächendeckende und unkritische Einführung von Office 365 in mehrfacher Hinsicht als problematisch ein und teilt die Einschätzungen der Petitionssteller nicht.

Einige Teile des work@home-Pakets sind datenschutzrechtlich nicht unproblematisch, diverse Nutzungsdaten werden an Microsoft übermittelt. Gleichzeitig würde ein multinationaler Konzern große Unterstützung beim Anstreben einer Monopolstellung erhalten.

Oftmals ist nicht aber nicht nur die fehlende Software, sondern bereits die nicht vorhandene oder unzureichende Ausstattung mit Endgeräten ein viel größeres Problem. Ebenso wirken sich die unterschiedlichen Möglichkeiten der Eltern, ihre Kinder beim Lernen zuhause zu unterstützen, an dieser Stelle noch deutlicher als sonst aus.

Wir bezweifeln, dass die Bereitstellung dieses Softwarepakets wirklich geeignet ist, Bildungsbenachteiligungen von Schüler*innen tatsächlich angemessen entgegenzuwirken. Wahrscheinlich gibt es keine einfache, kurzfristige Möglichkeit, diese Probleme zufriedenstellend zu beheben. Mittelfristig sollten aber Lösungen angestrebt werden, die an diesen Problemen ansetzen und zu ihrer Lösung beitragen.

Deshalb fordern wir:

  • Schüler*innen und Lehrkräfte müssen neben Softwarelösungen auch entsprechende Endgeräte zur Verfügung gestellt bekommen.
  • Der Aspekt der Datensicherheit muss hierbei auch berücksichtigt werden. Hier sollten beispielsweise mit dem LibreOffice-Paket auch kostengünstige und datensichere Lösungen genutzt werden, wenn dies möglich ist.
  • Ausbau des hessischen Schulportals an der Lehrkräfteakademie, gerade auch im personellen Bereich.
  • Ausbau und Weiterentwicklung des Medienzentrums Frankfurt, insbesondere auch um Lehrkräfte bei der Gestaltung von digitalen Unterrichtsangeboten für die besonderen Lernbedürfnisse ihrer Schüler*innen beraten zu können.

 

Laura Preusker und Sebastian Guttmann

Vorsitzendenteam GEW Bezirksverband Frankfurt


Warum Microsoft-Lizenzen nur eine Scheinlösung für den digitalen Unterricht bringen würde

Von Dirk Kretschmer, Sebastian Guttmann und Laura Preusker

Im Angesicht der Corona-Krise haben 4 Schulelternbeiräte die Petition „Digitaler Unterricht sofort mit dem Office work@home Paket für alle SuS und Lehrer*innen“ an die Stadt Frankfurt gestartet. [i] Ihr Eintreten für die flächendeckende Einführung der Microsoft Produktpalette „Office 365“ an den Frankfurter Schulen begründen die Elternvertreter*innen damit, dass so Vereinfachung und Standardisierung in den digitalen Flickenteppich gebracht werden könne. Nutzen werde dies vor allem „bildungsfernen Kindern“, die von einer angemessenen Infrastruktur abgeschnitten seien. [ii]

Die GEW BV Frankfurt hält diese Initiative und deren Argumente gleich in mehrfacher Hinsicht für höchst problematisch. Dies betrifft den Datenschutz, den Aufbau einer digitalen Infrastruktur, die an Gemeinwohl und Solidarität orientiert ist, sowie insbesondere das Interesse all jener unserer Schüler*innen, die im Hinblick auf Ausstattung für digitalen Unterricht und Bildungsbeteiligung benachteiligt sind.

Office 365: Datenschutz auf wackeligen Füßen

Der Hessische Datenschutzbeauftragte verneinte in seiner ersten Stellungnahme zum Einsatz von Microsoft 365 an Schulen vom Juli 2019 zunächst erfreulich eindeutig die Frage, ob „die Schule als öffentliche Einrichtung personenbezogene Daten (von Kindern) in einer (europäischen) Cloud speichern kann, die z.B. einem möglichen Zugriff US-amerikanischer Behörden ausgesetzt ist“. Zudem monierte er, dass sowohl das aktuelle Betriebssystem Windows 10 als auch Microsoft 365 massiv Telemetriedaten ihrer Nutzer*innen an den Konzern übermitteln. [iii]

Für letzteres hat Microsoft den Big-Brother-Award-2018 in der Sparte Technik erhalten. [iv] Frank Rieger, einer der Sprecher des Chaos Computer Clubs, geht mit seiner Kritik vor dem Hintergrund der DSGVO noch weiter, wenn er das Übertragen von diversen personenbezogenen Daten durch Word und Skype – beide im Office work@home Paket inklusive – mit Spyware gleichsetzt. [v] Office 365 als Auge von Big Brother mit 365°-Blick.

Doch der Hessische Datenschutzbeauftragte rudert wenige Tage nach seiner Klarstellung in einer zweiten Stellungnahme wieder zurück. Nach intensiven Gesprächen mit Microsoft, wie es heißt, sei er unter dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit zu dem Entschluss gelangt, einen Einsatz von Office 365 an Schulen vorerst zu dulden. Die Überprüfung habe sich als komplex und aufwendig erwiesen. [vi] Das klingt nach sehr viel Druck, der auf den Schultern des Landeshüters des Datenschutzes lastet.

Ansätze einer gemeinwohlorientierten digitalen Infrastruktur ausbauen!

Eine Lösung für eine Office-Paket-Gleichheit lässt sich leicht herstellen. Denn die Freie-Software-Bewegung stellt der Gesellschaft mit dem LibreOffice-Paket längst eine datenpolitisch unbedenkliche und kostenfreie Alternative bereit. Und ohne dass einem global operierenden und gern auch steuervermeidenden Konzern zusätzlich zum Datenrohstoff noch eine halbe Million Euro zu zahlen! [vii] Das Stadtschulamt sollte deshalb den Schulen eine einheitliche Nutzung von LibreOffice empfehlen – und der Document Foundation hinter LibreOffice einen symbolischen Betrag als gemeinwohlorientiertes Dankeschön überweisen. Ausnahmen muss es lediglich an Berufsbildenden Schulen mit Kaufmännischen Schwerpunkt geben, da Microsoft in dieser Branche bereits Monopolist ist.

Der Run auf das Schulportal Hessen, der nach den Schulschließungen einsetzte, hat in den ersten Tagen merklich zu einem gebremsten Zugang gesorgt. Das hohe Engagement der Kolleg*innen in der Hessischen Lehrkräfteakademie hat aber binnen weniger Tage auch eine Einsatzfähigkeit des Portals und den integrierten Lernplattformen Moodle und Mahara ermöglicht. Wenn schnelle, einheitliche und gemeinwohlorientierte Lösungen für den digitalen Unterricht gesucht werden, sollte sie mit einer deutlichen Aufstockung des Personals für den Hessischen Bildungsserver einhergehen.

Woran es derzeit wirklich mangelt

Das gegenwärtige Homeschooling verschlechtert den Zugang zu Bildung für all jene Schüler*innen, die vom deutschen Bildungssystem ohnehin strukturell benachteiligt werden, gleich in zweifacher Hinsicht.

Was einerseits wirklich fehlt und sich in der Corona-Krise extrem bemerkbar machen dürfte, ist die fehlende Gleichheit was geeignete Endgeräte betrifft. Es ist ein Irrtum, dass jede Familie über einen oder mehrere Computer, Drucker und ähnliche Geräte verfügt, die für das Wahrnehmen digitaler Lernangebote aber notwendig sind. Was nützt eine Microsoft-Lizenz, wenn die Kinder und Jugendlichen keine Möglichkeit haben, diese mit geeigneten Geräten benutzen zu können.

Im Rahmen der in Hessen geltenden Lernmittelfreiheit müssen für den digitalen Unterricht Schüler*innen und Lehrkräften nicht nur die Software, sondern auch die entsprechende Hardware zur Verfügung gestellt werden. Gleichzeitig werden auch Fachkräfte benötigt, die die dafür notwendige digitale Infrastruktur weiterentwickeln und am Laufen halten.

Andererseits zeigen die Erfahrungen mit der Einführung digital gestützter Lernformen, dass die Lernenden die digitale wie alle anderen Formen des Lernens auch, erst mit Unterstützung der Lehrkräfte einüben müssen. Eine sofortige flächendeckende Einführung einer jeden Lernplattform würde in der gegenwärtigen Situation, da klassischer Unterricht nicht möglich ist, nur jenen zugute kommen, die Zuhause auf fachkundige Unterstützung hoffen dürfen. Das kann auch mal gut gehen, weil etwa die ältere Schwester das vom Studium kennt. In der Breite nutzt eine neue Lernplattform aber vor allem Kindern akademisch gebildeter Eltern, die über das entsprechende kulturtechnische Kapital verfügen. Das Arbeiterkind schaut also im Regelfall mal wieder in die Röhre wenn sich die Stadt Frankfurt nun beim Silicon-Valley-Giganten einkaufen würde!

Geboten ist derzeit das, was die Kolleg*innen ohnehin schon seit den Schulschließungen getan haben. Nämlich nach Möglichkeiten und Wegen zu fanden, die auf möglichst einfache Weise möglichst alle Schüler*innen erreicht. Unter den gegebenen Umständen kann das nicht mehr, aber auch nicht weniger sein, als die zuletzt im Unterricht begonnenen Lernprozesse am Laufen zu halten, und nach der Wiederöffnung der Schulen das Schuljahr so gut es eben geht zu einem Ende zu bringen.

Die medienpädagogischen wie die technischen Grundlagen für einen nachhaltigen und sozial gerechten digitalen Unterricht muss mit Blick auf die nächste Pandemie nach dem Ende der Corona-Krise gelegt werden. Da steht das Bildungssystem leider ebenso schlecht wie das Gesundheitswesen da.

Neben den bereits angesprochenen Beseitigung vor allem der personellen Engpässe im technischen Bereich, kann medienpädagogisch die konzeptionelle Weiterentwicklung wie personelle Ausbau des Medienzentrums Frankfurt eine institutionelle Basis für dieses Vorhaben sein. Diese würde insbesondere darin bestehen, Lehrkräfte bei der Gestaltung von digitalen Unterrichtsangeboten für die besonderen Lernbedürfnisse ihrer Schüler*innen zu beraten.

 

[i] Gathof/Kirsa/Minten/Witthohn: Petition „Digitaler Unterricht sofort mit dem Office work@home Paket für alle SuS und Lehrer*innen“. Gestartet am 26.3.2020. URL: https://www.openpetition.de/petition/online/digitaler-unterricht-sofort-mit-dem-office-workhome-paket-fuer-alle-sus-und-lehrerinnen#petition-main (06.04.2020)

[ii] Matthias Trautsch: Office-Paket gratis für alle Schüler. In: Faz.net v. 31.03.2020. URL: https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/digitaler-unterricht-und-corona-office-paket-fuer-alle-schueler-16705681.html (06.04.2020)

[iii] Vgl. Hessischer Beauftragter für Datenschutz und die Informationsfreiheit: Stellungnahme des Hessischen Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit zum Einsatz von Microsoft Office 365 in hessischen Schulen (09.07.2019). URL: https://datenschutz.hessen.de/stellungnahme-des-hessischen-beauftragten-f%c3%bcr-datenschutz-und-informationsfreiheit-zum-einsatz-von (06.04.2020)

[iv] Vgl. Frank Rosengart: Windows 10 will nach Hause telefonieren. Laudatio zum BigBrotherAward 2018 in der Kategorie Technik. URL: https://bigbrotherawards.de/2018/technik-microsoft-deutschland (0604.2020)

[v] Oliver Nickel: Microsoft Office wird mit Spyware verglichen. URL: https://www.golem.de/news/microsoft-microsoft-office-wird-mit-spyware-verglichen-1805-134550.html (06.04.2020)

[vi] Vgl. Hessischer Beauftragter für Datenschutz und die Informationsfreiheit: Zweite Stellungnahme zum Einsatz von Microsoft Office 365 in hessischen Schulen (02.08.2019). URL: https://datenschutz.hessen.de/zweite-stellungnahme-zum-einsatz-von-microsoft-office-365-hessischen-schulen (06.04.2020)

[vii] Christoph Schlautmann: Finanzämter wollen US-Konzerne zu Steuerzahlungen in der EU zwingen. In: handelsblatt.com v. 26.02.2019. URL: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/steuerschlupfloecher-finanzaemter-wollen-us-konzerne-zu-steuerzahlungen-in-der-eu-zwingen/24037256.html?ticket=ST-2028790-s93UYddUQomnjLIcPzRg-ap5 (06.04.2020).