Ein Kommentar von Dirk Kretschmer.
Ideologien dienen als wichtige Unterscheidungsmerkmale im politischen Wettstreit um die Gunst der Wählenden in einer Demokratie. Ideologien sind gleichzeitig mehr oder weniger denk- und handlungsanleitend für die politisch Verantwortlichen. Und ein Mehr kann leicht zu einem Überschuss an ideologischem Eifer führen, der sich in Widersprüche mit der Realität verwickelt.
In dem Schreiben zur „Landesweite(n) Initiative zur Wertevermittlung in hessischen Schulen“ finden sowohl Kultusminister Armin Schwarz als auch Abteilungsleiter Christopher Textor - in einem Anschreiben an die Schulleitungen - deutliche Worte dafür, wohin die Reise gehen soll. So sprechen sie in ihren Texten statt von einer Initiative von einer „Offensive zur Wertevermittlung“ und markieren mit diesem militärischen Framing deutlich ihre rechtskonservative Selbstverortung. Anders ist auch nicht zu erklären, wie etwa Schwarz zu der Grundannahme gelangt, dass sich „Gewalt zur Durchsetzung eigener Interessen“ zunehmend in Gesellschaft und Schule breit mache und sich dieses Problem „durch geeignete Maßnahmen“ zur Thematisierung von Höflichkeit und Respekt im Unterrichtsalltag langfristig aus der Welt schaffen ließe.
Zum einen unterstellt der Minister damit allen Beschäftigten an den Schulen, den Erziehungsauftrag des Hessischen Schulgesetzes nicht gerecht zu werden und dringend Nachhilfe von seiner Behörde zu brauchen. Als ehemaliger Kollege könnte er das besser wissen! Zum anderen offenbart sich hier ein unterkomplexes Bild der Gesellschaft, nach der sich Formen des gewaltförmigen Gegeneinanders allein durch Wertevermittlung bekämpfen ließen. Politisch mag ein solches Zerrbild opportun sein. Denn so muss über den vielfältigen Rückzug des Staates aus der Organisierung gesellschaftlicher Solidarität zugunsten verschiedener Kapitalinteressen nicht gesprochen werden.
Sprechen tut das HMKB dagegen vor allem über die Schüler:innen und Kolleg:innen in den Intensiv- und InteA-Klassen, die den primären Schauplatz der Werteoffensive abgeben sollen. Höflichkeit und Respekt sollen demnach von breiten Kenntnissen der deutschen Sprache abhängen, weshalb die einzige verpflichtende Maßnahme der Offensive in zwei Wochenstunden Benimmunterricht in den Intensivklassen bestehen soll.
Das verdeutlichen die Hinweise für Lehrkräfte. Die Migrant:innen in den Intensivklassen hätten es nicht nur wegen der fehlenden Sprachkenntnisse besonders schwer, heißt es da, sondern auch „aufgrund unterschiedlicher Gepflogenheiten in ihren Heimatländern“. Als Abhilfe wird u.a. empfohlen in Rollenspielen „Respekt und Höflichkeit in unterschiedlichen Kulturen“ aufzuzeigen. So werden die jungen Eingewanderten zu potentiell gefährlichen Fremden erklärt und sollen dieses Othering auch noch im Unterricht performen. Nach der Lektüre kann mensch sich des Eindrucks nicht erwehren, als bemühte sich das Ministerium nach der Messerattacke in Solingen und den Wahlerfolgen der AfD in Sachsen und Thüringen lautstark in den völkisch-populistischen Chor einzustimmen, der bis weit in die sogenannte politische Mitte reicht.
Auch die oft postmigrantischen Lehrkräfte der Intensivklassen erfahren durch die Anweisungen von Abteilungsleiter Textor eine Sonderbehandlung. Er weist die Schulleitungen an, sich diese Lehrkräfte monatlich zur Brust zu nehmen, um zu kontrollieren, ob der Auftrag der (Werte-)Offensive auch abgegolten worden sei. Ein solch beispielloses Kontrollregime kann nur als Ausdruck tiefsitzender rassistischer Ressentiments wie eines autoritären Reflexes gewertet und zurückgewiesen werden.
Einstürzende Schulbauten, Lehrkräftemangel, zu große Klassen bei vielen neuen Herausforderungen wie etwa die Erziehung zur digitalen Mündigkeit sind nur einige Stichworte, die die Reformbedürftigkeit unseres Schulwesens andeuten. Die letzten mutigen wie im Detail oft unvollendeten Schritte zu einer Schule, die den Bildungsbedürfnissen der Kinder und Jugendlichen von heute gerecht werden könnte, wurden in den 1970ern getan. Die Werteoffensive ist letztlich ein symbolischer Akt, der rechtskonservativen Milieus schmeicheln soll und nichts zur Verbesserung der Lern- und Lehrbedingungen an den Schulen beiträgt. Wenn sich der noch neue Kultusminister Schwarz weiter so von den Realitäten an den Schulen abschirmt, ist aus seinem Hause nichts Gutes zu erwarten.
Umso mehr wird es an uns engagierten Lehrkräften sein, mit geeigneten Formen des Protestes weiter auf die Notwendigkeiten hinzuweisen, die Schulen umfassend zu modernisieren. Und bis dahin werden wir weiter wie bisher allen unseren Schüler:innen mit den Werten einer demokratischen und solidarischen Gesellschaft vertraut machen.