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Junge Menschen nicht als Kanonenfutter missbrauchen

Aus: FLZ Nr. 3-25 | Interview mit Lu und Victor zur Wiedereinführung der Wehrpflicht

Am 6. Juli fand im Frankfurter Gewerkschaftshaus eine Konferenz gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht statt. Über 120 Jugendliche aus der ganzen Bundesrepublik diskutierten in verschiedenen Workshops und Podien über die Pläne der Bundesregierung und die Möglichkeiten für Widerstand.

FLZ sprach mit Lu (23) angehende Sozialarbeiterin, und Victor (19), frisch gebackener Abiturient, über ihre Sicht auf die geplante Wiedereinführung der Wehrpflicht. Ein Gespräch über ihre persönliche Perspektive auf das Thema, ihre Einschätzungen, Erfahrungen und den Wunsch nach Frieden.

 

FLZ: Warum habt ihr an der Konferenz gegen die Wehrpflicht in Frankfurt teilgenommen?

Lu: Mich beschäftigt, was die Wiedereinführung der Wehrpflicht für junge Menschen bedeuten würde. Schon seit Jahren wirbt die Bundeswehr gezielt an Schulen und auf Berufsmessen; es wird so getan, als wäre das einfach ein normaler Job wie jeder andere. Gleichzeitig bleiben für viele nach der Schule Ausbildungschancen aus, Studienplätze sind teuer, und nicht wenige greifen aus Mangel an Perspektiven zu irgendeinem Vollzeitjob. Als angehende Sozialarbeiterin werde ich genau mit diesen Situationen zu tun haben. Für mich ist die Wehrpflicht ein Zwangsdienst, der am Ende bedeutet: Interessen werden mit der Waffe durchgesetzt. Dagegen setze ich mich ein – und darüber möchte ich offen sprechen.

Victor: Ich bin Victor, 19, habe dieses Jahr mein Abitur gemacht. Meine Gründe sind ähnlich wie die von Lu. Mir ist während der Oberstufe aufgefallen, wie stark die Bundeswehr auftritt – gerade auf Berufsmessen. Ich erinnere mich an eine Messe, auf der der Bundeswehr‑Stand doppelt so groß war wie alle anderen. Die Botschaft war klar: Das ist eine Option wie jede andere. Für mich fühlte es sich wie ein Versuch an, uns in einer Phase, in der viele noch gar nicht wissen, was sie nach der 13. Klasse machen wollen, früh festzulegen. Das fand ich problematisch; deshalb habe ich an der Konferenz teilgenommen.

FLZ: Victor, wie präsent war das Thema Wehrpflicht bei dir in der Schule?

Victor: Sehr präsent, vor allem in den letzten zwei, drei Jahren. Im Politik‑Leistungskurs kam das Thema immer wieder auf, und auch Lehrkräfte wollten wissen, wie wir dazu stehen – ob die Bundeswehr für uns als Arbeitgeber in Frage kommt und wie wir die Wieder‑Einführung der Wehrpflicht sehen. Tief reingehen konnten wir im Unterricht nicht immer, weil der Lehrplan voll ist. Aber untereinander haben wir viel diskutiert: Was machst du nach dem Abitur? Studium, Ausbildung – oder Bundeswehr? Die meisten waren kritisch. Viele wollten schlicht nicht in einen Einsatz geschickt werden oder überhaupt zur Waffe gezwungen sein. Dass das mit der Freiwilligkeit eher eine PR-Maßnahme der Bundesregierung war, zeigt jetzt das Gesetz. Das ist schon Zwang.

FLZ: Lu, welche Rolle spielt das Thema für dich beruflich – also im Bildungs‑ und Sozialbereich? Welche Rolle sollte es für uns als Pädagog:innen spielen?

Lu: Ich finde es zentral, das Thema im schulischen und außerschulischen Bereich aufzugreifen. Es geht um Aufklärung: Was bedeutet dieser „Job“ wirklich? Welche Alternativen gibt es? Und welche Risiken sind damit verbunden? Wenn über „Kriegstüchtigkeit“ gesprochen wird, muss klar sein, dass das unser Leben betrifft. Es wurde ja offen gesagt, Deutschland solle bis 2029 kriegstüchtig sein. Darüber mit Jugendlichen zu sprechen – inklusive der Ängste, die das auslöst – ist wichtig. Angst vor dieser Entwicklung ist natürlich verständlich, aber sie darf uns nicht lähmen. Wir können als Pädagog:innen Räume schaffen, in denen Jugendliche Fragen stellen, Widerspruch formulieren und gemeinsam Handlungsmöglichkeiten entwickeln – vom Infoabend bis zur Projektwoche. Wir können Wege aufzeigen, wie man aktiv werden kann: sich organisieren, in Gewerkschaften, in örtlichen Bündnissen, und an Schulen friedenspädagogische Angebote aufbauen. Ich arbeite im Nebenjob an einer Schule und sehe: Wenn die Bundeswehr kommt, kann man als Kollegium auch sagen, dass man das so nicht will – und Gegenangebote machen.

FLZ: Victor, welche Gründe waren bei euch in der Klasse ausschlaggebend für die Skepsis gegenüber der Wehrpflicht?

Victor: Der Kern war: Es ist ein Pflichtdienst. Uns wurde jahrelang vermittelt, dass wir unseren Weg frei wählen können – Ausbildung, Studium, was auch immer. Und plötzlich soll man eingezogen werden. Das fühlte sich wie ein Bruch mit dem an, was uns sonst beigebracht wird. Viele meinten: Das kennen wir aus dem Geschichtsunterricht, aber nicht aus unserem Leben. Und: Niemand will zur Waffe gezwungen werden. Ich möchte auf niemanden schießen – weder auf russische Soldaten noch auf sonst irgendwen. Das sind junge Menschen wie ich, die leben wollen. Es hat mit meinen Interessen nichts zu tun, wenn Regierungen irgendwo Konflikte austragen.

FLZ: Befürworter sagen, Deutschland müsse kriegstüchtig werden – Stichwort Bedrohung durch Russland, teils auch China. Wie steht ihr dazu?

Lu: Ich halte das für vorgeschoben. Die Nato ist Russland in fast allen militärischen Schlüsselparametern weit überlegen. Auch ohne USA. Die europäischen Nato-Staaten liegen in Militärbudget, Truppenstärke und Großwaffensystemen vor Russland. Das ist das Ergebnis einer Greenpeace-Studie von Anfang diesen Jahres. Die Gefahr entsteht eher durch die Aufrüstung selbst: Es setzt eine Spirale des Wettrüstens in Gang, in der die Wahrscheinlichkeit von Kriegen steigt. Frieden erreicht man nicht dadurch, mehr Menschen in Uniform zu stecken und ihnen Zwangsdienste aufzulegen.

Victor: Ich sehe das ähnlich. Russland tut sich alleine schon in der Ukraine schwer. Das wird ja oft benutzt, um zu begründen, warum Deutschland „nachziehen“ müsse, aber für mich wirkt es aufgeblasen. Während Schulen in Frankfurt teils Decken mit Löchern haben oder gar nicht mehr betreten werden dürfen, Lehrkräfte und anderes pädagogisches Personal fehlt und Krankenhäuser überlastet und schlecht ausgerüstet sind, ist für die Bundeswehr sofort Geld da – erst über Nacht beschlossene 100 Milliarden, danach on top unbegrenzte Schuldenaufnahme. Und jahrelang wird vorher erzählt, dass für Jugendzentren, öffentliche Ausbildungsplätze oder Bildung leider kein Geld da sei. Da fühlt man sich als junger Mensch nicht ernst genommen. 

FLZ: Was ratet ihr Jugendlichen, die 2026 Post von der Bundeswehr bekommen?

Victor: Kommt drauf an, was in dem Brief steht. Wenn es Werbung ist: nicht anspringen. Wenn es um Musterung geht: holt euch Unterstützung. Es gibt Organisationen, die sich damit auskennen, z.B. Gewerkschaften oder die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner:innen (DFG-VK). Sich früh zu informieren ist wichtig, damit man nicht allein vor der Situation steht.

Lu: Und: Versteht, dass das kein Abenteuerpark ist. Es geht um Krieg. Es gibt Schätzungen, wonach an einer Ostfront im Ernstfall Tausende Soldat:innen pro Tag sterben könnten – das zeigt, worüber wir hier reden. Ich rate, sich schon jetzt zu organisieren: lokale Bündnisse „Nein zur Wehrpflicht“ gründen, Aktionen zum Antikriegstag, die Petition gegen die Wehrpflicht unterschreiben und mehr Unterschriften sammeln. Viele junge Menschen sind dagegen – macht das sichtbar. Gemeinsam sind wir stärker. Das ist ja auch das Motto der Gewerkschaften und das stimmt.

FLZ: Was nehmt ihr persönlich aus der Konferenz mit?

Victor: Vor allem das Gefühl: Wir sind nicht allein. Da waren viele in meinem Alter, die genau dieselben Frage haben: Was mache ich mit meinem Leben? Ich will Lehrer werden, jungen Leuten etwas beibringen, statt auf sie zu schießen. 

Wir haben Kontakte geknüpft, Ideen gesammelt, uns vernetzt. Das macht Mut, aktiv zu bleiben. Für mich war der Austausch entscheidend. Wenn man merkt, dass viele ähnlich denken, wird aus Ohnmacht ziemlich schnell der Gedanke: Lass uns was tun – Infostand, Leserbrief, Aktionen. So entsteht Bewegung, die über die eigene Schule hinauswirkt.

Lu: Mich hat beeindruckt, wie breit das Spektrum war – Schüler:innen, Studierende, Arbeiter:innen, Gewerkschafter:innen, natürlich vor allem junge Leute. Das zeigt, dass es eine Bewegung geben kann, die das Thema breit in die Gesellschaft trägt. Mir ist wichtig, dass junge Menschen nicht als Kanonenfutter missbraucht werden. Genau das bedeutet aber eine Wehrpflicht am Ende: Menschen in einen Krieg schicken, der nicht in ihrem Interesse liegt. Es steht doch recht offen formuliert im Weißbuch der Bundeswehr höchstselbst: Ihre Kriegseinsätze dienen dem Schutz von Handelswegen, Absatzmärkten und Rohstoffen. Wenn die Reichen und Mächtigen die Welt unter sich aufteilen und Einflussgebiete neu abgesteckt werden sollen – da bin ich raus. Ich stehe an der Seite von denen „unten“ – so verstehe ich meinen Beruf und ehrlich gesagt auch mein Leben darüber hinaus. 

FLZ: Danke euch beiden für das Gespräch.